Handyroman

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Forschung

Es gibt bisher kaum Untersuchungen zu europäischen Handyromanen, weder aus medien-, literatur- oder sprachwissenschaftlicher Perspektive noch aus Sicht etwa der Wirtschaftswissenschaft oder der Wirtschaftsinformatik, und selbst europäische Literatur zu japanischen Handyromanen ist schwer zu finden. 

Bisherige Arbeiten

Von Johanna Mauermann stammt die vielleicht umfangreichste wissenschaftliche Arbeit deutscher Sprache zu Handyromanen, die 2009 erschienene Magisterarbeit "Das Phänomen Handyroman in der zeitgenössischen japanischen Literatur". Ihre Ergebnisse hat sie in einem Buch mit dem Titel "Handyromane" (2011) verarbeitet, das auch einen Überblick über die internationale Entwicklung liefert. Als Studentin der Japanologie widmete sie sich, wie bereits der Titel der Magisterarbeit nahelegt, in erster Linie der japanischen Tradition, wobei sie wissenschaftliche Literatur verschiedener Länder und Sprachen mit einbezogen hat. In Abgrenzung zur koreanischen Wissenschaftlerin Kim Yoni schreibt sie: "Die Aussagen wirken zu verallgemeinernd und zudem ist die Darstellung von Handyromanen als spezifisch japanisches Phänomen schlicht falsch, wie die Existenz von Handyromanen in anderen asiatischen Länder[n] oder des deutschen Handyromans 'Lucy Luder' zeigt."


Die Sprachwissenschaftlerin Julia Ricart Brede veröffentlichte 2009 in der Zeitschrift Literatur im Unterricht den Artikel "Handybücher: Literatur von und für die Daumen-Generation". Ricart Brede betrachtet zuerst das Phänomen der Handyromane und fokussiert dann auf die Handyromane von Oliver Bendel, wobei sie insbesondere auf die Reihe mit Lucy Luder und auf den Jugendroman "lonelyboy18" eingeht. Sie analysiert die Texte aus literatur- und sprachwissenschaftlicher Sicht und stellt - auch aus ihrer Funktion als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Pädagogischen Hochschule heraus - didaktische Überlegungen an.


Das literaturwissenschaftliche Standardwerk "Die Struktur der modernen Literatur" von Mario Andreotti widmet sich in der vierten Auflage von 2009 den europäischen Handyromanen, zitiert aus dem Band "Lucy Luder und die Hand des Professors" und gelangt zu dem Schluss: "Dass der Handy-Roman, der vor allem in Japan seit Jahren boomt, auch im deutschsprachigen Raum, schon der zahllosen Handynutzer wegen, eine Zukunft hat, lässt sich kaum bezweifeln. Mobile Literatur für den modernen Globetrotter scheint ein Bedürfnis zu sein. Dazu kommt, dass der Handy-Roman Experimente (etwa die Entwicklung multimedialer Formen) zulässt, wodurch er der Literatur, insbesondere der modernen, zweifellos neue Impulse zu geben vermag."

Künftige Forschung

Künftige wissenschaftliche Untersuchungen müssen das technologische Umfeld berücksichtigen, welches die Entwicklung der Handyromane erlaubt, unterstützt und beeinflusst und deren Verbreitung steuert, etwa Internetdienste, Webplattformen, Social-Software-Plattformen, Entertainment-Angebote, Premium-SMS-Dienste, Portale des Mobile Business, Satellitensysteme, Funkchips sowie 2D- und 3D-Codes. Zudem sind das kulturelle und das soziale Umfeld einzubeziehen, z.B. die kulturellen Besonderheiten in Japan und die Unterschiede zwischen den japanischen und Konsum- und Rezeptionsgewohnheiten in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland.  Weiterhin können die mobilen Technologien und Geräte beschrieben werden. Fokussiert wird - in Abgrenzung zum allgemeinen Phänomen der E-Books - auf Handys, Smartphones und PDAs. Es sind nicht nur Betriebs- und Anwendungssysteme, Java- und Internetfähigkeit von Belang, sondern auch Hardwarekennzeichen wie Größe und Beschaffenheit des Displays, Speicherkapazität und Akkulaufzeit sowie Faktoren wie Handhabbarkeit und Benutzerfreundlichkeit.


Hinsichtlich der digitalen Inhalte liegt ein denkbarer Schwerpunkt bei genretypischen und sprachlichen bzw. textlichen Merkmalen. Eine nähere Betrachtung lohnen insbesondere Text- und Satzstruktur, Multimedialität (Einbindung von Bildern, Videos, Tönen) und Interaktivität (Steuerung und Manipulation von Elementen auf dem mobilen Gerät). Eingegangen werden sollte auch auf den Produktionsprozess, sofern dieser Auswirkungen auf die digitalen Inhalte hat. Beispielsweise können Handyromane kollaborativ über Web-2.0-Plattformen und entsprechende mobile Portale entstehen oder im Rahmen von "Schreibwerkstätten", etwa nach dem Vorbild von Alexandre Dumas.


Wesentlich für den Erfolg von Handyromanen sind die Geschäftsmodelle der verschiedenen Player. Eine Untersuchung kann auf den Vertrieb über Web-Plattformen und Premium-SMS-Dienste eingehen, die jeweils eingesetzten Zahlsysteme vorstellen und Optionen wie Einzeldownload bzw. Abonnement und kostenpflichtiges Leser-Feedback zur Steuerung der Geschichten sowie Ansätze des Product Placement und der kommerziell motivierten Intertextualität beschreiben.


Dargestellt und erforscht werden müssen nicht zuletzt die Möglichkeiten und Angebote von Buchhandlungen und Bibliotheken, die Kundinnen und Kunden in den Handyromanen "blättern" und sie diese kaufen bzw. ausleihen zu lassen. Eine Rolle spielen auch die Metaangaben zu den Büchern; vielfach fallen Identifizierungsmöglichkeiten wie die ISBN und standardisierte Erfassungen und Beschreibungen weg. Weiterhin können, zusammen mit Bibliotheken, Leseförderprojekte initiiert werden und daraus Publikationen entstehen. In Japan scheint der Handyroman wesentlich zur (Wieder-)Verbreitung des Lesens bei jungen Menschen beigetragen zu haben.