Handyroman

Underground Mainstream

Romane

Ende 2007 erschien "Lucy Luder und der Mord im studiVZ" von Oliver Bendel als PDF für Computer und Handys, der wohl erste Handyroman im deutschsprachigen Raum und einer der ersten Social-Network-Romane der Welt. 2008 brachte die Blackbetty Mobilmedia GmbH in Wien - nachdem bereits die cosmoblonde GmbH in Berlin einen Versuchsballon gestartet hatte - die Handyromane "Lucy Luder und der Mord im studiVZ" und "Lucy Luder und die Hand des Professors" heraus, Anfang 2009 den Einzelroman "lonelyboy18" und den ersten Teil der Serie mit Handygirl, Ende 2009 den zweiten, im Frühjahr 2010 den dritten Teil. Im Februar 2011 wurde "Lucy Luder und der Schrei des Muezzins" veröffentlicht, in Kooperation mit dem Cabaret Voltaire in Zürich. Die Handyromane wurden über verschiedene Plattformen beworben und bis Ende 2011 über spezielle Shops in Deutschland, Österreich und in der Schweiz vertrieben.

Lucy Luder

Lucy Luder ist eine 20-jährige Jurastudentin in Berlin und hat in ihrer WG im Stadtteil Charlottenburg ein Detektivbüro aufgemacht. Ihre Mitbewohnerinnen Nadine und Tina, ebenfalls Studentinnen, verfolgen ihre Aktivitäten mit Skepsis und Ironie. Lucy löst ihre Fälle immer unkonventionell und nicht immer vollständig. Sie bewegt sich durch ihre dahinrasende Zeit, manchmal langsamer, manchmal schneller als diese. Notebook und Internet sind keine Technologien für sie, sondern Teil ihrer natürlichen Umwelt.

In der Lucy-Luder-Reihe werden Wikipedia-Beiträge - die vorher, falls notwendig, auf der Plattform korrigiert werden - integriert, Websites zitiert, Links gesetzt. Es kann in einem mehrfachen Sinne von medialer Literatur gesprochen werden; die Literatur ist für Medien wie Handy und Web geeignet, bedient sich der Möglichkeiten digitaler Medien und hat diese zum Gegenstand. Typisch für die Reihe sind eine prägnante Sprache, kurze Sätze und reduzierte Dialoge. Der Dialog spielt aber durchaus eine wichtige Rolle und wird regelmäßig eingesetzt. Die Sprache von Jugendlichen wird nicht imitiert, und es bleibt bei wenigen Jargonbegriffen. Lucy ist keine Projektionsfläche; sie ist dem Geschehen nicht ausgeliefert, sondern bestimmt es. Die Geschichten werden im Präsens erzählt und erhalten damit eine bestimmte Unmittelbarkeit.

Handygirl

Handygirl ist ein Avatar und lebt auf dem Handy von Liza. Sie liest die SMS vor und ist eifersüchtig, wenn Liza über ihr Notebook chattet. Liza ist 14 und mit Kathi befreundet. Kathi hat schon einige Erfahrungen mit Jungs gesammelt, Liza ist ein fast unbeschriebenes Blatt. Niemand ahnt, dass Handygirl eines Tages zur Superheldin wird. Am wenigsten Handygirl selbst. Doch eines Tages geschieht es: Als Liza in Gefahr gerät und fürchterliche Angst bekommt, steigt Handygirl aus dem Handy und rettet und tröstet sie. Sie wird eine Superheldin, vor allem aber ein Mensch; und für Augenblicke lebt sie wirklich.

In die Texte von "Handygirl" sind Emoticons und ASCII-Art eingebettet. Das Handy wird als Begleiter und Medium thematisiert. Es handelt sich ebenfalls um mediale Literatur, wobei der Fokus - nicht zuletzt durch den Titel und den Plot - klar auf das mobile Gerät gerichtet ist. Typisch für Handygirl sind wiederum eine prägnante Sprache, kurze Sätze und reduzierte Dialoge. Ein Teil der Dialoge besteht aus den SMS der beiden Freundinnen. Die Sprache von Jugendlichen wird nicht imitiert; Kraftausdrücke tauchen allenfalls in den Dialogen auf. Die Härte des Alltags wird nicht beschönigt, wobei es eine Wendung ins Wundersame und damit einen Appell an die kindliche Phantasie gibt. Die Geschichten werden im Präsens erzählt und erhalten so, zusammen mit der sprachlichen Reduziertheit, eine enorme Unmittelbarkeit.

lonelyboy18

Lukas ist 18 Jahre alt. Er hat keine Freunde und keine Freundin. Jeden Tag steht er in einer Ecke des Schulhofs. In der gegenüberliegenden Ecke steht die fette Herta. Seine Freundin soll das Gegenteil von ihr sein. Er fängt an zu bloggen, als lonelyboy18, und schreit seine spätpubertäre Sehnsucht in die Welt hinaus. Eines Tages antwortet ein Mädchen, das genau seiner Vorstellung entspricht. Gleichzeitig befreundet er sich mit Herta, diskutiert mit ihr und mit seiner anziehenden Lehrerin über Literatur, setzt sich mit seiner Mutter mit Vergangenheit und Zukunft auseinander. Bis zum überraschenden Ende hat er Entscheidungen getroffen, die sein Leben verändern werden.

Bei "lonelyboy18" handelt es sich - oberflächlich gesehen - um ein eher konventionelles Buch. Ein wesentliches und strukturierendes Element sind allerdings die regelmäßig auftretenden Blogbeiträge von lonelyboy18 und catgirl14. Auch "lonelyboy18" ist mediale, nämlich Medien integrierende und behandelnde Literatur, und wiederum sind eine prägnante Sprache und kurze Sätze charakteristisch. Die Dialoge haben eine große Bedeutung; sie sind mehrheitlich reduziert, nehmen aber stellenweise einigen Raum ein und monologische Züge an. Die Sexualität von Lukas wird offen und direkt geschildert; sie gehört zur Initiation, die letztlich das zentrale Thema ist. Ein Nebenthema sind die Möglichkeiten des Erzählens; immer wieder löst sich der Erzähler, ein Vogel, aus der vorherrschenden, nämlich der personalen Perspektive. Die Geschichte ist im Präsens erzählt, was nicht nur für die Unmittelbarkeit, sondern auch für das Erzählen über das Erzählen von Bedeutung ist.